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║ 14. In dubio pro reo                                                ║
║ Freitag, 14. Januar 2005, 00:00                                eloi ║
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Ein Hamster, bar jeder Vernunft, aß eines sonnigen Mittwochs ein von der örtlichen Königin vergiftetes Stück Apfel und fiel daraufhin postwendend in Ohnmacht. Ein zufällig des Weges kommender Zwerg sah dies Unglück und zugleich sich selbst genötigt, diverse ihm bekannte Erste-Hilfe-Maßnahmen einzuleiten. Als dadurch das vergiftete Apfelstück aus des Hamsters Kehle flog und dabei eine Taube traf, welche benommen und völlig desorientiert gegen einen Baum flog und an dessen Stamm zerschellte, hustete der Hamster und kam langsam wieder zu sich, jedoch nicht mehr dazu, sich bei dem hilfeleistenden Zwerg zu bedanken, da dieser, als er den Hamster wieder zu sich kommen sah, seine Spitzhacke schulterte und das Weite suchte, um es der Königin zu bringen. Diese nahm, nicht ohne Dankbarkeit, Selbiges entgegen und erkundigte sich bei der Gelegenheit auch gleich nach der Befindlichkeit der anderen Zwerge.
Der Hamster unterdes begab sich, einer Eingebung folgend, gleich zur königlichen Residenz um sich sowohl wegen des Apfels zu beschweren, als auch, um sich nach seinem Retter zu erkundigen. Leider umsonst, denn es war Mittwoch und sowohl die Beschwerde- als auch die Informationsstelle der Königin hatte nur bis 12:00 Uhr geöffnet und es war bereits tiefster Nachmittag. Also nahm er zwei Blankoformulare und den nächsten Bus nach Hause, wo seine Frau mit einem erquickendem, alkoholischem Heißgetränk und einer Butterbrezel auf ihn wartete. Überglücklich ob des Hamsters Heimkehr kippten die Beiden dermaßen viel Alkohol, daß sie sich am nächsten Morgen nicht in der Lage sahen ihren arbeitnehmerlichen Verpflichtungen nachzukommen. Sie wurden jedoch durch ungewöhnlich lautes und anhaltendes Haustürklingeln und -klopfen geweckt. Sich über diesen ungewöhnlichen Besuch wundernd (denn die Hamster hatten wegen ihres unverschämten Alkoholismus keine Freunde) ging die Frau mit einer schon fast optisch wahrnehmbaren Fahne zur Tür um diese zu öffnen, was ihr beim vierten Versuch auch gelang. Draußen stand ein Polizist mit einer toten Taube in der vorwurfsvoll erhoben rechten Hand.
Der Hamster wurde in einem späteren Verfahren wegen mangelnder Beweislage und dank der entlastenden Aussage des Zwerges freigesprochen.
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║ 13. Obst                                                            ║
║ Donnerstag, 13. Januar 2005, 00:00                             eloi ║
╚═════════════════════════════════════════════════════════════════════╝
Dr. Larta schaute auf ihr Klemmbrett, dann zu mir, dann zu Dr. Johnson. Der sah ebenso ratlos aus und hätte wohl am liebsten mit den Schultern gezuckt, traute sich das in Anwesenheit eines Patienten aber anscheinend nicht.
Seit fast zwei Monaten ging ich regelmäßig zu den beiden hoch angesehenen Ärzten. Unsere Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit und wir hatten alle nicht das Gefühl seit dieser Zeit einen einzigen Schritt weitergekommen zu sein. Irgendwie tat mir das sogar ein wenig leid. Sie gaben sich wirklich Mühe. Schließlich sagte Johnson, daß die Zeit um sei und ich sagte artig "Gute Nacht Apfel." - "Auf wiedersehen Skingy." - "Gute Nacht Birne." sagte ich zu Dr. Larta. Sie erwiderte nur ein Seufzen und Kopfschütteln.
Ich habe festgestellt, daß eigentlich die meisten Menschen komisch sind und teile sie daher in metaphorische Gruppen. Ärzte sind Obst. Alle. Die Verbindung ist Gesundheit. War das denn so schwer zu verstehen für zwei der besten Psychologen Norddeutschlands?
Draußen wartete mein Zivi. Als er mich zurück in die Anstalt fuhr fragte er mich: "Na Skingy, hast Du das Gemüse wieder in den Wahnsinn getrieben?" - "Ach Taube, Du hörst mir nie richtig zu. Sie sind Obst. Und: jaaa. Ich denke, ich werde sie bald soweit haben." Ich verzog das Gesicht und lachte dämonisch. Mein Zivi grinste. Ich glaube, er ist einer der wenigen, die mich nicht für Verrückt halten. Trotzdem nahm ich mir vor, ihm nachher das Genick zu brechen. Mal ehrlich, was hat er für eine Zukunft, wenn er nicht mal richtig zuhören kann?
Andererseits meint er es wirklich gut... und einen Menschen nur wegen seines Aufmerksamkeitsdefizites zu erlösen ist wohl doch etwas zu hart.
Am Nachmittag kamen mich zwei meiner Freunde besuchen. Endlich Menschen, die ich nicht metaphorisieren brauche. Es ärgerte mich, daß sie an den Strand wollten, abends. Ich wollte gerne mitfahren und auch feiern, baden, saufen. Ich beschloss, ihnen deshalb das Genick zu brechen. Warum sollten sie Spaß haben und ich nicht?
Andererseits sind es meine Freunde. Da haben sie dann aber noch mal Glück gehabt, dachte ich.
Das Essen kam wieder mal zu spät, war zu trocken weil Soße fehlte und reichte wie immer nicht zum satt werden. Wieder einmal dachte ich darüber nach, wem ich dafür zuerst das Genick brechen sollte: der Köchin, dem Zivi der das Essen auffüllte oder dem, der es austeilte?
Lustlose Sklaven eines mystischen Systems. Sollten sie wirklich für eine Demotivation sterben, für die sie wahrscheinlich nicht mal verantwortlich waren?
Während dieser Überlegungen hatte ich meine Schlagbohrmaschine (ein angefeilter Teelöffel) aus ihrem Versteck in der Matratze geholt und an meinem Loch, ganz oben in der Wand, weitergearbeitet. Eine zermürbende Arbeit. Ich musste dabei auf dem Bett stehen und über Kopf arbeiten. Deshalb musste ich alle zwei Minuten die Hand wechseln.
Nach nur vier Monaten und einigen mentalen Genickbrüchen war es endlich so weit. Die letzten zwei Therapiestunden mit Apfel und Birne rückten in greifbare Nähe und ich hatte alles vorbereitet. Das Loch in der Wand war tief genug und der Löffel darin verkeilt.
Ein neuer Zivi fuhr mich in die Privatpraxis. Es konnte losgehen.
In nur zwei Stunden erklärte ich den beiden Profis mein komplettes Lebensprinzip und meine Weltanschauung. Anschließend erzählte ich ihnen meine komplette Biografie. Mein Vortrag war gut geprobt. Ich sprach sehr schnell und hatte genau nach 120 Minuten mit der Schilderung meines Todes geschlossen. Zum ersten mal sah ich sie völlig überfordert, schockiert, geängstigt und vor allem: total sprachlos.
Beim hinausgehen durchströmte mich eine tiefe Zufriedenheit.
Ich hoffte, daß ihre mentale Lähmung lange genug anhält, um die Anstalt nicht mehr rechtzeitig benachrichtigen zu können.
Zurück in der Zelle hängte ich die vorbereitete Wäscheleine an den Löffel in der Wand und meinen Hals an ihr anderes Ende.
So. Jetzt etwas Geduld.
Ah. Quietschende Reifen im Hof, das werden sie sein. Ich hörte sie zu meiner Zelle hassten. Mindestens vier Leute. Hektisches Aufschließen der Tür. Als erstes stürmten Apfel und Birne in den Raum, blieben wie angewurzelt stehen, als sie mich sahen. Dann noch ein Arzt und die Frau Pförtnerin. Als alle mich anstarrten, regungslos, ohne ein Wort zu sagen, grinste ich, sprang hoch und ließ mich fallen.
Wie ich es ihnen bereits mitgeteilt hatte, blieb dieses Knacken noch sehr lange im Gedächtnis des Obstes.
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║ 12. Gulasch                                                         ║
║ Mittwoch, 12. Januar 2005, 00:00                               eloi ║
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Sitzen am Sund. Das nahezu perfekte Wetter ist nicht annähernd so befriedigend wie angenommen; wenigstens habe ich Ruhe. Und Wasser. Erstaunlich, daß es Enten anscheinend völlig egal ist, ob sie in Süß- oder Salzwasser schwimmen. Fische sind da ja bekanntlich etwas zimperlicher. Aber was trinken Salzwasserenten? Als verdurstender Mensch darf man ja wegen der dehydrierenden Wirkung des Salzes kein Salzwasser trinken. Geht es Enten genauso? Ich hätte früher in Biologie besser aufpassen sollen.

Nicht nur Enten, auch Algen, Dreck, Müll, Schwäne und ein Hund sind im Wasser. Gut pürieren und man hat einen leicht versalzenen Gulasch. Naja vielleicht vorher noch die Schiffe raussammeln. Gulasch.
Verstaubter Kessel, irgendwo hinten in meinem Kopf. Spinnwebenüberzogen. Aber ohne Kelle darin. Nicht zum Essen, zum Rühren ist er da, er hat schon Haut gebildet, trocknet ein. Gut? Schlecht? Wenn man ihn nicht bemerkt, stört er nicht. Wie ein Splitter im Bein, den man nur bemerkt, wenn man die Hose anzieht. Aber hat man den Kessel erstmal bemerkt, ist es zu verlockend vom Inhalt zu kosten. Oder in ihm zu rühren. Kopfgulasch.
Erinnerungen am Boden abgesetzt, ein wenig rühren und man ißt die Gedanken der Vergangenheit. Es bleibt zu überlegen, ob man das will. Die Liebe vergangener Jahre hervorkramen. In Erinnerung schwelgen oder in ihr ertrinken.
Klar ist man glücklich, muss man ja. Wäre da nur nicht.
Und deshalb ist es gut, daß die feinen, großen, zarten, die guten Brocken am Boden kleben. Zum Teil leicht angebrannt. Vorhanden aber unauffindbar. Zumindest ohne Kelle.

Wie der Asphalt die Wärme des vergangenen Tages, strahlt auch die Erinnerung die Liebe vergangener Jahre ab. Mein Leben geprägt von Selbstbetrug. Oder?
Mittlerweile ist es dunkel am Sund. Wie der Hund ist auch die Ente spurlos verschwunden. Süßwasser trinken? Der romantische Sternenhimmel hat nicht einmal etwas tröstliches.
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║ 11. Circulus Vitiosus                                               ║
║ Dienstag, 11. Januar 2005, 00:00                               eloi ║
╚═════════════════════════════════════════════════════════════════════╝
Morgen nach der vorletzten Klausur fange ich gleich an zu lernen. Die letzte Klausur ist die schwerste.
Aber weil die vorletzte Klausur so prima lief gibt es zum Mittag erstmal ein Bier. Auf dem Heimweg noch bei Netto 'ne Flasche Sekt gekauft und es wird ein schöner Abend. Ohne lernen. Aber was solls, morgen anfangen ist auch OK.

Und weil es so ein schöner Abend gestern war bin ich auch erst gegen achtzehn Uhr aufgestanden, um gleich nach dem "Frühstück" mit lernen anzufangen. Beim Frühstück bemerke ich, daß mein Saft leer ist und ich auch neues Brot benötige, also noch mal schnell zum Netto. Aber wenn man schon zu Netto muss, kann man da auch gleich ne Exkursion draus machen. Also rauche ich mir noch schnell einen und schlendre zum Netto. Auf dem Weg nehme ich mir vor, keinen Alkohol zu kaufen. Damit ich dann gleich lernen kann und nicht in Versuchung geführt werde.
Auf dem Spaziergang zum Hafen, weil noch so schönes Wetter ist, öffne ich mir eins der Biere und trinke auf meine Selbstdisziplin.

Nun gibt es 2 Möglicheiten:


  1. Ich habe die Klausur bestanden. Also kein Grund irgendetwas an meinem Lebensstil zu ändern. Fortsetzung siehe oben.

  2. Ich habe die Klausur nicht bestanden und wurde Exmatrikuliert. Kein Abschluß. Keine Ausbildung. Kein Job. Also geselle ich mich zu den Straßenpunks und "fresse das bittere Ende meiner auf Vorschuss gelebten Zeit", wie Götz Widmann es formulierte.

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║ 10. Jackie II                                                       ║
║ Montag, 10. Januar 2005, 00:00                                 eloi ║
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Eine mit überdurchschnittlichem Intelligenzquotienten gesegnete, jedoch beim Rohrschachtest versagende Person sagte, nachdem ich ihr mitteilte, was es zu Abend gäbe, eines Tages einmal, sie möge keine Weichblattsalami, weil davon ihr Plattenspieler am ganzen Körper Haare bekäme und man sich dann vorkäme, wie eine Stunde der eine Minute geklaut wurde. Wörtlich sagte sie: "Ich mag keine Weichblattsalami, weil davon mein Plattenspieler am ganzen Körper Haare bekommt. Dann kommt man sich vor, wie eine Stunde der eine Minute geklaut wurde."

Ich habe dann auf Werksfaltsalatkäsekruste mit Dip umdisponiert.
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║ 9. Ego                                                              ║
║ Sonntag,  9. Januar 2005, 00:00                                eloi ║
╚═════════════════════════════════════════════════════════════════════╝
meine einsamkeit hat ein ende -
ich bin jetzt mit mir zusammen

ich sehe mich gern
ich finde mich hübsch
ich belüge mich nicht
ich betrüge und hintergehe mich nicht
ich mache keine fehler
ich weiß was mich verletzt
ich weiß was ich mag
ich weiß was mir gefällt

ich weiß wo ich abends bin
ich kann mich auf mich verlassen
ich bin nie mehr allein
ich bin ja immer bei mir
ich bin das perfekte paar

die zeit zeigt, daß alles eine farce ist -
ich mag mich nicht
ich kann mich nicht mehr sehen
ich finde mich hässlich
ich kann mir nicht trauen
ich hintergehe mich selbst

ich wäre lieber nicht in meiner nähe
ich kann meine lügen nicht mehr hören
ich handle immer wieder aufs neue falsch
ich verletze mich damit selbst
ich hätte gern ruhe vor mir
ich wäre lieber allein
aber ich kann mich nicht verlassen
denn was wäre ich ohne mich?
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║ 8. Alle Menschen sind gleich, Beweis                                ║
║ Samstag,  8. Januar 2005, 00:00                                eloi ║
╚═════════════════════════════════════════════════════════════════════╝
Ich verhalte mich zu meinem Nächsten (Dir) wie dieser (Du) sich zu mir (ich). Das versteht sich als eine Frage der Selbstverständlichkeit. Definiere man nun zunächst:


Ich = mir; Du = dir


kann man ein Verhältnis aufstellen:

Ich   Du
--- = ---
Dir   mir


dies entspricht

Du² = Ich²



und wenn wir daraus noch die Wurzel ziehen ergibt sich:

Du = Ich; Ich = Du


Nun noch der Form wegen die Induktion: Wenn Du nun auch noch mit Ihm so umgehst, wie er mit Dir und er das auch tut und das so fortsetzt kommt man zu:

Du = Er
und weil
Du = Ich
folgt
Er = Ich


man kann also zusammenfassen


wir = alle = Du = Ich
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║ 7. Das Ohm'sche Gesetz                                              ║
║ Freitag,  7. Januar 2005, 00:00                                eloi ║
╚═════════════════════════════════════════════════════════════════════╝
1,50m ist nicht viel.
Doch dazwischen gibt es einen Haken.
R ist nicht Radius, nicht Widerstand.

R ist der Haken.

Ausweg?
Nein.
Es gibt keinen.
Die Tür ist zu.

Doch, klar Tür öffnen.
Was fehlt ist der Schlüssel.
Der Schlüssel zum Erfolg.
Menschlichkeit?
Geld?

Coolness?
Humor?
Menschlichkeit und Geld und Coolness und Humor – alles?
Nichts?

Was Symbollos bleibt, ist die Frage.
Die Frage nach R.

Nicht Radius.
Radius verbindet. Mittelpunkt mit Peripherie.
(Wer ist wer?
Möchte ich sein, was ich versuche darzustellen,
Möchte ich sein, als was ich mich sehe?)

Widerstand nicht.

Widerstand verlangsam, hemmt, verhindert nicht.
Doch Widerstand?
(Hoffnung?)

Unterbrechung.
R verhindert.

Oder Kurzschluss?



[ Randbetrachtung:
- ist R Variabel oder Konstant?
- ist R berechenbar?
- ist R nicht völlig egal / überflüssig / destruktiv?

- Fließt kein Strom, weil die Spannung zu klein ist, oder weil R zu groß ist?
- Schlägt es Funken, wenn R entfernt wird?
- Finden all' diese Betrachtungen nur statt, weil ich längst weiß, daß ich es nie herausfinden werde, vielleicht nicht mal will?

DENNOCH ]

(sometimes i like to pretend)
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║ 6. Jackie                                                           ║
║ Donnerstag,  6. Januar 2005, 00:00                             eloi ║
╚═════════════════════════════════════════════════════════════════════╝
Wie jeden Donnerstag hole ich Jackie aus dem Heim ab, um mit ihr Gassi zu gehen. Wie jedes mal wird sie von einigen Hunden angebellt. Wie jedes mal bellt sie zurück. Mittlerweile kennen uns einige von den Leuten, die uns begegnen und schauen nicht mehr ganz so komisch. Auf der großen Lichtung im Park stecke ich ihr die Leine in den Beutel und lasse sie laufen. Ich glaube, sie ist das einzige Känguru dieser Erde, daß läuft statt zu springen. Aber vielleicht brachte das das Stadtleben mit sich.

Aber heute ist Revolution.
Anstatt direkt zurück zum Heim gehe ich mit Jackie zur Bushaltestelle. Sie schaut mich verwirrt an. Ich zwinker ihr zu und sage ihr, was ich vorhabe.
Nicht einmal eine halbe Stunde später sind wir bei mir zuhause. Ich gehe mit ihr in die Küche, schließe die Küchentür, lasse die Jalousie herab und nehme ihr das Halsband ab. Ich öffne mir ein Bier. "Setz' Dich." Zögernd lässt sie sich auf dem Boden in der hintersten Ecke nieder. "Möchtest Du was trinken?" Keine Reaktion. Wie immer, wenn ich mit ihr rede. "Jackie, wir kennen uns jetzt über ein Jahr. Wir sind hier unter uns. Niemand kann Dich sehen oder hören. Und ich würde mich sehr freuen, mal Deine Stimme zu hören." Keine Reaktion. Ich trinke einen Schluck Bier, halte ihr die Flasche hin. Langsam nimmt sie einen winzigen Schluck. "Ach komm schon, ich sag's auch niemandem. Warum tust Du das?" Ich warte. Sie sitzt regungslos in der Ecke. Als ich die leere Flasche in den Kühlschrank zurücklege eine leise, warme Stimme "Es ist einfacher." Überraschung wäre geheuchelt. Ich werde fast ohnmächtig vorm Kühlschrank. Taste mich zu meinem Stuhl zurück. "Es ist einfacher?" Diesmal antwortet sie sofort, noch immer sehr leise und warm. "Ja. Ich brauche mich um nichts zu kümmern. Hab eine kostenlose Wohnung. Naja, Zimmer. Mir reicht das. Bekomme meine Malzeiten und werde nicht genötigt mit irgendwelchen Leuten zu reden. Und ich werde in Ruhe gelassen. Einmal pro Woche kommst Du mich besuchen und ich kann mal raus. Das ist für mich das beste Leben, das ich mir vorstellen kann."

Bumm. Fertig. Das ist ihre Theorie. Warum nicht. Ich hatte schwerwiegende psychische Probleme erwartet, aber sie will nur ihre Ruhe.
Ich bin immer noch verblüfft, als sie den Reißverschluss öffnet und den Kopf ihres Kostüms abnimmt und den oberen Teil des Känguru-Overalls abstreift. Darunter befindet sich ein ziemlich hübsches Mädchen mit langen, braunen Haaren, ebenso gefärbten Augen, sehr heller Haut und Jeans-Latzhose. Als sie meinen Blick bemerkt, lacht sie. "Weißt Du, ich bin gar kein richtiges Känguru."
Bei einem weiteren Bier für jeden von uns erfahre ich, daß sie das Kostüm tatsächlich nur zum duschen ganz auszieht und ich seit drei Jahren der erste bin, der ihr menschliches Gesicht sieht. Ich schaue auf die Uhr. Schon fast eine Stunde zu spät, also rufe ich im Heim an um Bescheid zu sagen.

Nach einem Jahr schweigender Freundschaft hatten wir einiges Nachzuholen.

Jackie wacht auf. Benommen schüttelt sie den Kopf - was für ein absurder Traum. Als sie im Bad in den Spiegel schaut, bemerkt sie, daß der Reißverschluss ihres Hasenkostüms ein Stück weit offen ist. Ein Blick auf die Uhr. Er müsste gleich da sein. Immerhin ist heute Donnerstag.
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║ 5. Bowling                                                          ║
║ Mittwoch,  5. Januar 2005, 00:00                               eloi ║
╚═════════════════════════════════════════════════════════════════════╝
Der Professor betritt den Raum. Schweigen. Ein Blick in die Runde. "So Leute." Pause. Eine zaghafte Stimme von weiter vorne. "Und? Wie sieht's aus?" Kopfschütteln vom Prof. Entnervtes Raunen. Vereinzelt verängstigte Blicke zum Fenster. Der dunkelrote Fleck am Morgenhimmel ist größer geworden. Man kann beinahe zugucken. Vereinzelt verängstigtes Wimmern. "Kann man denn gar nichts...?" Kopfschütteln. Irgendjemand bringt Tee und ein handbetriebenes Grammophon in die nur von ein paar Kerzen erhellte Turnhalle. Auf der Schellakplatte Mozarts Requiem, ein wenig leierig, aber apokalyptisch genug um vereinzeltes Schluchzen hervorzurufen. Der dunkelrote Fleck ist mittlerweile schon fast so groß wie der Mond. "Wie lange noch?" fragt jemand. Der Professor zuckt die Schultern. "Zwei, drei Stunden. Höchstens" sagt er leise, geht nach hinten, betet. Einige andere fangen auch an zu beten. Plötzlich ein Aufstoßen. Eine Frau rennt raus. Kurz darauf vernimmt man gedämpfte Würgegeräusche. Ich hätte nie gedacht, daß das Ende der Welt dermaßen unromantisch ist. Das Grammophon geht mit einem klicken und leisen kratzen aus. Niemand macht sich die Mühe, die Platte umzudrehen. Mir huscht der flüchtige Gedanke durch den Kopf, daß die Zeit nicht mal mehr reicht, sich ordentlich zu betrinken. Andererseits wollte ich auch nicht auf einem Turnhallenboden sitzend sterben. Aber nur hinstellen reicht auch nicht. Galgenhumor. Ich überlege, ob ich rausgehen soll. Nach zwei Minuten in der mehr als eisigen Kälte kehre ich in die Turnhalle zurück und hole mir einen Tee. Seltsam zu wissen, daß gleich alles vorbei ist und darüber nachzudenken, wie jemand ohne Strom den Tee kochen konnte. Der dunkle Kreis am Himmel füllt fast das ganze Fenster aus. Irgendwie hatte ich ein Geräusch erwartet, ein Summen vielleicht, wenn er so nah ist. Aber ich weiß, daß es physikalisch nicht möglich ist. Ich trinke meinen letzten Schluck Tee und versuche mich auf das Unvermeidliche vorzubereiten, aber irgendwie sind meine Gedanken zäh wie Mensa-Schnitzel.

Dann der Aufprall. Rumpeln. Alles wird umgeworfen. Ich drehe mich um, Strike! Ich habe die Runde gewonnen. Triumphierend bestelle ich mir ein neues Bier.